Tagträumerin und kreative Chaotin

Tagträumerin und kreative Chaotin

Wenn ich irgendwo bin, weiß das normalerweise jeder, weil man mich hört. Ich lache gerne und laut, rede mit Vorliebe viel, auch mit Leuten, die ich gerade erst kennengelernt habe. Wegen dieser Eigenschaften werde ich gerne als offen, freundlich und lustig beschrieben und hatte noch nie wirklich Schwierigkeiten, neue Leute kennenzulernen und Freunde zu finden. Positiv – meistens.

Würde ich fünf Freunde bitten, mich zu beschreiben, würde das Wort „schusselig“ bestimmt mindestens viermal fallen. Ich vergesse häufiger meine Schlüssel, weiß nicht mehr ob ich mein Handy eingesteckt habe (bis es aus der Tasche klingelt, in die ich es zwei Sekunden vorher gesteckt hatte) und lasse ständig irgendwelche Dinge fallen oder verlege sie (mit Vorliebe finde ich sie dann erst recht nicht mehr, wenn sie an ihrem eigentlichen Platz sind). Außerdem sehen meine Beine permanent aus wie die einer Sechsjährigen, da ich andauernd irgendwo dagegen laufe; auf die Frage: ,Was hast du denn da schon wieder gemacht?‘ weiß ich dann meist keine Antwort. Negativ.

„Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“ – Ich hatte noch nie Verständnis für diejenigen, die ein Geburtstagsgeschenk bekommen und „Toll, danke.“ sagen, auch wenn das Gegenüber mit dem Geschenk genau ins Schwarze getroffen hat. Ich für meinen Teil springe auf wie ein kleines Kind und brülle „Danke, danke, danke, oh mein Gott, oh mein Gott – ihr seid wahnsinnig!“ bis ich völlig außer Puste bin. Genauso schnell kann ich allerdings sauer werden, wenn mein Gesprächspartner etwas, das ich sagen will nicht versteht, oder, ich gebe es ungern zu, auch wenn etwas gerade nicht so läuft, wie es in meiner kleinen Welt geplant war. Positiv und negativ.

Dann war da noch meine ungebremste Begeisterung für etwas, die sich meist genauso schnell verflüchtigt, wie sie gekommen ist. Vor einiger Zeit hatte ich den glorreichen Einfall, dass ich super gerne bastle. Ich hatte wochenlang nichts anderes mehr im Kopf und jeder Cent der irgendwo entbehrt werden konnte, wurde in Bastelmaterialien gesteckt. Was soll ich sagen, nach einem halben Jahr war der Hype quasi vorbei; ich bin jetzt perfekt ausgerüstet, um alles mögliche zu kreieren, benutze das ganze Zeug aber nur noch selten. Genauso gings mit meinem Studium der Sprachwissenschaften, das ich unbedingt noch als Drittstudium (what?!) „nebenbei“ machen wollte (nach einer Vorlesung war Schluss) und mit so mancher Sportart. Negativ und belastend, vor allem fürs Portemonnaie.

Ich setze Kaffee auf und vergesse ihn, obwohl die Maschine im Hintergrund rattert, ich fahre Auto wie eine Wahnsinnige, beschimpfe dabei jeden, der auch nur ansatzweise (in meinen Augen) gegen die Verkehrsregeln verstößt (hatte dementsprechend auch schon den einen oder anderen Blechschaden), ich heule aus Frust wenn ich wiedermal etwas kaputt mache, ich handle bevor ich denke, ich habe meist am Ende des Geldes noch so viel Monat übrig und ich HASSE es, alleine zu sein. Damit meine ich ganz konkret – allein zu Hause. Ich langweile mich entsetzlich, kann mich meist nicht beschäftigen und werde unglaublich nervös, wenn es nichts zu tun gibt. Katastrophe.

Auf der anderen Seite bin ich extrem kreativ, unglaublich ehrgeizig, wenn ich mich tatsächlich für etwas begeistere (Gott sei Dank habe ich mich für das richtige Studium entschieden) und unwahrscheinlich herzlich, wenn mir etwas an jemandem liegt. Und seit einiger Zeit bin ich auch wahnsinnig erleichtert. Erleichtert weil ich weiß, was mir fehlt. Weil ich weiß, wieso ich es nicht schaffe, viel länger als eine ganze Stunde ohne Pause in einer Fortbildung zu sitzen, ohne dass meine Gedanken abschweifen. Erleichtert, weil ich weiß wieso ich ständig unter Strom stehe und mich immer irgendwie beschäftigen muss. Erleichtert, weil ich weiß, wieso ich so viele blaue Flecken habe und ab und zu zu spät dran bin. Was aber noch viel wichtiger ist: seit ich das Ding benennen kann, macht es mir keine Angst mehr. Es macht mich nicht mehr sauer, lässt mich im besten Fall sogar schmunzeln. Und ich habe es geschafft, Strategien zu entwerfen: Was ich mir merken muss, schreibe ich sofort auf. Egal wo ich bin – sonst ist es weg. Ich weiß das. Ich lege nichts einfach nur so schnell schnell irgendwohin – ich ziehe meinen Ring aus und sage mir laut im Kopf vor „der Ring liegt auf der Kommode im Wohnzimmer“ – da liegt er auch nach dem Spülen noch und ich weiß es. Ich spreche darüber – weihe Freunde ein, die mich dann bremsen, wenn ich wieder mal vor lauter Enthusiasmus die Welt zerreißen möchte und mich anspornen, wenn ich nach einer kleinen Niederlage aufgeben will. Ich versuche, extrem genau zu sein, was Papierkram und Arbeit angeht. Ich lege Dokumente nur genau da ab, wo sie auch hin sollen – und zwar gleich (sonst sind sie weg) und ich habe einen leicht übertriebenen Hang zur Ordnung. Manchmal. Und dann auch wieder das Gegenteil. Ich habe gelernt auf mich zu hören – wenn ich müder oder gestresster bin als sonst, bin ich automatisch auch vorsichtiger, weil ich weiß, dass das Risiko größer ist, dass ich was vergesse, verlege, runterwerfe, mich aussperre. Und ich kämpfe jeden Tag aufs Neue gegen den riesigen inneren Schweinehund in mir, der gefühlt noch ein Stück größer und gemeiner ist, als bei allen anderen.

Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätssyndrom is a bitch.

Aber nicht mehr als das. Zugegeben, ein Zungenbrecher, aber doch nur ein Wort (oder zwei). Als Erwachsener, besonders ab dem Zeitpunkt, ab dem man es benennen kann und ein gewisses Verständnis dafür entwickelt, ist man auch imstande seine eigene Gebrauchsanweisung, Strategien und Lösungen dafür zu finden. ADHS ist in den meisten Fällen etwas, das man handhaben kann; oder wofür es gute Therapiemöglichkeiten gibt – auch nicht-medikamentöse. Man sagt, Albert Einstein hatte ADHS. Wer weiß, was das Leben für mich noch alles bereit hält?

Nachtrag: Einige von euch werden sich im einen oder anderen wiederfinden – keine Angst. ADHS ist ein Syndrom, besteht also aus zahlreichen Symptomen. Und nur, weil einige von euch manchmal zu spät kommen, etwas verpeilt sind, oder beim Einkaufen die Milch vergessen, besteht noch lange kein Grund zur Panik.

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